Der Lech - der geschundene Fluss
Der Lech – eine geschundene Landschaft
So toll wie der Forggensee sich heute in die Landschaft des Voralpengebietes einprägt, war es nicht immer so. Der Lech als rauer Gebirgsfluss fließt noch heute von Tirol bis hinter Augsburg in die Donau. Einst galt der Lech als unberechenbar und wild, er floss durch Schluchten und Auwälder. Über Jahrhunderte gab es verheerende Hochwässer, denen ganze Landstrich und Häuser zum Opfer fielen. Erst mit dem Einbau von Staustufen konnte der Fluss gebändigt werden. Aber erst mit der Staustufe 1, dem Forggensee, war eine vernünftige Regulierung möglich. Aber selbst dann ist der Lech ein wilder Fluss mit möglichen Wassermassen – sie das Pfingsthochwasser in 1999 bei dem sogar die im Bau befindliche Autobahnbrücke in Augsburg nur gerade so vor dem Einsturz bewahrt werden konnte.
Schon um die vorherige Jahrhundertwende gab es Pläne den Lech zu bändigen und zugleich den immer steigenden Bedarf an Energie mittels Wasserkraftwerke zu nutzen. Nach 1950 wurden die Pläne umgesetzt und Staustufen bis zur Donau gebaut. Das alles hätte nicht funktioniert, wenn es keinen Kopfspeicher als Rückhaltbecken für Hochwässer und zur Flussregulierung gegeben hätte. Damit entstand das kühnste Projekt, der Bau des Forggensee. Einst war es Europas größte Baustelle und von der Baustelle profitierte die gesamte Region. Die Eisenbahn konnte Materialen nur bis zum Bahnhof Roßhaupten (die heutige „Lusse“; ausschließlich für Materiallieferungen; kein Haltepunkt der Bahnstrecke Lechbruck – Marktoberdorf) liefern. Von da wurde alles per LKW zur Baustelle transportiert. Über die Belastung durch permanenten Lärm und Abgase spricht heute keiner mehr.
Der Freizeitwert und die touristische Anziehung sind heute unumstritten. Der fünftgrößte See Bayerns schmiegt sich in Voralpenlandschaft so trefflich ein, dass manch einer nicht glauben kann, dass dies ein künstlich geschaffener See ist, der im Winter einen deutlich niedrigeren Wasserstand hat. Im südlichen Bereich von Füssen und Schwangau gleicht er einer Mondlandschaft, solange kein Schnee sich milde, darüberlegt. Schön ist was anderes. Nicht umsonst wurden Winterbild von den Schlössern und dem Alpenblick mit einem gefüllten See gefaked – lange vor den heutigen Möglichkeiten.
An dieser Stelle sei mit einem Mythos aufgeräumt. König Ludwig II sah von Schloß Neuschwanstein keinen See, da dieser erst in den 50er Jahren entstand. Der See passt so trefflich in die Landschaft, da es vor vielen Jahrhunderten einen viel größeren See an
dieser Stelle gab, der sogar Bannwaldsee, Hopfensee und viele kleinere Seen aus der heutigen Zeit umfasste; nämlich den Füssener See.
Die Kraftwerke sind heutzutage fast nur durch die großen Staudämme zu erkennen. Vieles befindet sich in den Bauwerken oder unter der Erde.
Von den geplanten 27-28 Staustufen wurden 24 realisiert (Atomkraft sei dank, da der Energiebedarf durch diese Form der Kraftwerke jahreszeitlich unabhängig gedeckt werden konnte; aber das Thema ist obsolet, da Deutschland dieses Pfund weggeschmissen hat und wir die Energie lieber aus Atomstaaten wie Frankreich oder Schweden einkauft.) Mehrere Energieversorger betreiben 30 Kraftwerke durch das Lechwasser. Der größte Betreiber ist Uniper, früher EON, die die größten Staustufen und den Kopfspeicher von der Zentrale in Landsberg zentral steuern; regenerative Energiegewinnung für ein grünes Ökobewusstsein.
Warum also der ‚geschundene Fluss‘?
Im Zuge des Baus der Staustufen wurde der Lech stellenweise extrem kanalisiert und in ein enges Korsett gezwängt. Seitenarme verschwanden, Auwälder trockneten aus, Rückzugsgebiete für Tiere verschwanden durch die zusätzliche Landgewinnung, da keine Hochwässer ganze Gebiete mehrmals jährlich überschwemmten. Die Flusslandschaft war früher teilweise ein bis zwei Kilometer breit. Die Folge war bzw. ist, dass sich der Lech immer mehr in des Flussbett eingräbt und so ein Risiko für die Trinkwasserversorgung wird. Einige Bereiche konnten erfolgreich für den Naturschutz bewahrt werden, aber beispielsweise die Illasbergschlucht als einmalig im Voralpengebiet wurde dem letzten Kilometer Stausee geopfert, Damals kämpfen die vermeintlichen „Chaoten“ um den Erhalt – der Staudamm hätte 2 km südlicher errichtet werden können im Bereich des damaligen Deutenhausen. Heute laufen mit viel Geldaufwand Renaturierungsprogramme. Es geht aber nur schleppend voran, da natürlich über die Finanzierung und die Interessen des Hauptnutzers gestritten wird. Die Renaturierung der Iller oder der Wertach wäre interessante Beispiele.
Viele Grundbesitzer, u.a. aus den Weilern Forggen und Deutenhausen, verloren ihre Heimat durch den Flächenbedarf der Staustufen und vor allem des Forggensees. Neben dem Verlust an Haus und Hof, natürlich gab es Entschädigungen, war der Verlust der Heimat seit Generationen im Familienbesitz tiefgreifender. Mehr dies glaubt, frage mal seine Großeltern, die aus den Ostgebieten oder Elsass vertrieben wurden. Für viele war der Fluss ein Teufelsfluss: Erst die regelmäßigen Hochwässer und einhergehende Gefahren, dann die ‚Vertreibung‘.
Vor ca. 70 Jahren entstand der Forggensee – was er heute ist möge jeder für sich selbst beurteilen.
V. König 04-2026
